„Mit vereinten Gärten“ im Gespräch mit der Zukunftsstiftung BioMarkt

Benjamin Bauer

10.06.2019

In diesem Sommer beginnt in vielen europäischen Ländern der gemeinsame Salatanbau im Rahmen unserer BioMarkt-Förderpatenschaft „Mit vereinten Gärten“. Das Schweizer Projekt der Sativa Rheinau möchte neue, ökologische Salatsorten züchten, die resistent gegen Mehltau sind. Die Zukunftsstiftung BioMarkt (ZBM) sprach mit Projektkoordinator Benjamin Bauer über die Hintergründe des Vorhabens und die weitere Umsetzung.

ZBM:
Benjamin, bitte beschreib unseren Leserinnen und Lesern nochmal kurz die Hauptziele und Anliegen des Salatprojekts.

Benjamin Bauer: Jedes Jahr kommen neue Salatsorten mit neuen Resistenzen gegen falschen Mehltau (Bremia) auf den Markt. Und dies in sehr kurzen Zeiträumen von nur ein bis zwei Jahren. Diese werden aber wieder „durchbrochen“ und somit wegen der großen Anpassungsfähigkeit der Erreger unwirksam. Gerade im Bio-Anbau, wo keine Fungizide eingesetzt werden, bedeutet ein Mehltaubefall ein erhebliches wirtschaftliches Risiko.

Um diesen Kreis zu durchbrechen, gehen wir bereits seit vielen Jahren mit der Stiftung ProSpecieRara neue Wege in der Züchtung und rufen aktuell experimentierfreudige Erwerbs- und Hausgärtner in Mitteleuropa zum Mitmachen auf.
Diese sollen die neuen Salatsorten vor Ort im Freiland anbauen und Rückmeldung zum Mehltauverhalten geben. Aus der Schweiz, Frankreich, Deutschland, Belgien und den Niederlanden haben sich bereits mehrere Hundert Teilnehmerinnen und Teilnehmer angemeldet.

In dem Experiment bauen wir auf eine Besonderheit von bestimmten, traditionellen Sorten wie ‚Laibacher Eis‘. Diese sind nicht vollständig resistent, Mehltau verbreitet sich aber deutlich langsamer und die Salate bleiben geputzt weiterhin vermarktungsfähig. Wir versuchen, diese Eigenschaft in neue Salatsorten zu übertragen, welche den modernen Ansprüchen von Salatproduzenten entsprechen, z.B. intensive Farbe, eine ausgewogene Kopfbildung oder eine gute Haltbarkeit.
Vorarbeit leistet Sativa bereits seit 2015. Meine Kollegin und Pflanzenzüchterin Charlotte Aichholz, hat viele Kreuzungen vorgenommen und die interessantesten Kandidaten ausgewählt. Die neuen Salatsorten müssen wegen der großen genetischen Vielfalt des Mehltaus an vielen Standorten geprüft werden, womit die Idee einer kollaborativen Züchtung, also dem Projekt ‚Mit vereinten Gärten‘ geboren war. Diesen Sommer kommen also die Sorten zum ersten Mal auf den Mehltau-Prüfstand.

Salatsorte Laibacher-Eis

ZBM: Warum habt ihr euch bei eurem Forschungsvorhaben für das Thema Salat entschieden?

Benjamin Bauer: In unserer pflanzenzüchterischen Arbeit versuchen wir uns die Frage zu stellen, an welcher Stelle der Bio-Landbau am drängendsten Bedarf nach neuen Sorten hat. Bei Salat haben wir eine sehr spezielle Situation, dass der Mehltauerreger sehr wandlungsfähig ist und sich der bisherige Ansatz der Resistenzzüchtung als nicht zukunftsfähig erwiesen hat. Der Bio-Anbau befindet sich daher in einer eingeengten Situation, da die Sorten unsicher sind und man auch nicht mehr handeln kann, wenn es einen Befall gab. Für dieses Problem möchten wir gerne eine Lösung finden.

Mit nur eingeschränkten Mitteln (Pflanzenzüchtung ist langwierig und kostenintensiv) können wir an unserem Standort in Rheinau aber keine solide Aussage darüber treffen, ob wir die  Widerstandsfähigkeit, die wir in modernen Salatsorten sehen möchten, haben einkreuzen können. Daher ist die Suche nur möglich, wenn viele Interessierte mitmachen.

ZBM: Kann ich als Konsumentin/Konsument und Verbraucherin/Verbraucher bei diesem Projekt mitmachen? Was muss ich tun?

Benjamin Bauer: Jede/r Interessierte kann an dem Projekt teilnehmen und Salate anbauen. Die einzige Anforderung ist, dass man im Spätsommer mindestens fünf Quadratmeter Fläche im Garten zur Verfügung hat. Wir freuen uns über Salatprofis, möchten aber auch Menschen ohne Salaterfahrung einladen sich dem Projekt anzuschließen. Eine Anmeldung für das Projekt ist noch bis zum 15. Juni unter www.mit-vereinten-gaerten.org möglich.

ZBM: Wird für das Projekt spezielle Erde benötigt?

Benjamin Bauer: Jeder kann die Salate so kultivieren, wie er das auch im Regelfall machen würde. Manche Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben uns geschrieben, dass sie die Salate in Mischkultur pflanzen möchten. Andere haben angegeben, dass sie ihren Boden nicht umgraben und mit viel Kompost arbeiten. So erhalten wir echte Anbaubedingungen, die für die biologische Pflanzenzüchtung, die nicht im Labor erfolgen soll, wichtig ist.

ZBM: Wie geht es nach der Aussaat weiter?

Benjamin Bauer: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bekommen von uns im Juli Saatgut für die Anzahl an Salatlinien, die man bei der Registrierung angemeldet hat. Diese müssen dann vorgezogen und in den Boden ausgepflanzt werden. Wenn der Salat reif ist, vergleicht man die Salate miteinander und gibt uns Rückmeldung, wie sie sich in Bezug auf Mehltau verhalten haben. Das ist nicht schwer. Wir geben zuvor aufschlussreiche Informationen, damit jeder verstehen kann, wie Mehltau aussieht und worauf er achten muss.

Mehltaubefall

ZBM: Wie kommen die Proben vom Salatanbauer zu euch? Was muss beachtet werden?

Benjamin Bauer: Eine Rücksendung von Proben zurück an uns ist nicht notwendig. Damit wir das ökologische Verhalten der Salatlinien unter Realbedingungen verstehen können, ist die Bonitierung, also die vergleichende Einschätzung der Sorten, die bei den Teilnehmern auf dem Feld wachsen, wichtig. Von allen Salatlinien behalten wir Saatgutproben zurück, mit denen wir weiterarbeiten können.

ZBM: Wo würdest du das Projekt im Idealfall in zwei bis drei Jahren sehen? Was erhoffst du dir?

Benjamin Bauer: Wir würden uns wünschen, dass wir in einigen Jahren neue, widerstandsfähige Salatsorten gefunden haben. Das wäre eine Sensation und ein wundervoller Beweis dafür, dass eine gemeinschaftliche Zusammenarbeit von vielen begeisterten Gärtnerinnen und Gärtnern Innovation bewirken kann. Falls sich abzeichnet, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Interesse hätten, auch andere Kulturen bei sich auszuprobieren, könnten wir uns vorstellen, das Projekt längerfristig zu erhalten. Wir haben jetzt bereits sehr spannende Rückmeldungen von Teilnehmerinnen und Teilnehmern bekommen, die sich freuen, etwas Neues auszuprobieren oder einen Beitrag zu leisten. Eine Teilnehmerin aus Frankreich schrieb uns, dass sie sich freut mitzumachen und dass sie mit ihren Kindern die Salate pflanzt, da sie ihnen beibringen möchte, sich richtig und gesund zu ernähren. Solche Mitteilungen berühren. Wir würden uns freuen, in einem Forschungs-/Kommunikationsansatz mehr über Pflanzenzüchtung, Biodiversität und Umweltschutz sprechen zu können und gleichzeitig gemeinsam an neuen Bio-Sorten zu arbeiten.

ZBM: Gibt es andere Verbände in Europa, mit denen Ihr zu diesem Thema im Austausch seid?

Benjamin Bauer: Unser Projektpartner ist die Stiftung ProSpecieRara, die sich mit Leidenschaft für seltene Pflanzenarten und Tierrassen einsetzt und uns Unterstützung in der Kommunikationsarbeit gibt. Wir sind aber auch mit anderen Verbänden in Europa, welche zu seltenen Pflanzenarten tätig sind sowie mit Hausgartenverbänden, im Austausch.

ZBM: Wie seid ihr auf die Fördermöglichkeiten der Zukunftsstiftung BioMarkt aufmerksam geworden?

Benjamin Bauer:
Die Zukunftsstiftung BioMarkt ist eine spannende Einrichtung, die uns vor einigen Jahren bereits aufgefallen ist. Es gibt nicht viele Initiativen von Biomärkten, die sich für die wichtige Weiterentwicklung der ökologischen Landwirtschaft einsetzen. Besonders interessant ist, dass es ein recht offener und transparenter Prozess ist, bei dem man als Akteur sein Projekt vorstellen kann. Auf dem Finalistentag 2018 in Fulda haben wir spannende Projekte kennenlernen dürfen und uns gefreut, dass es in vielen Bereichen – von der Honigbiene, über vegane Düngemittel bis zu sozialen Projekten – viel Engagement gibt. Wenn wir uns auch vorwiegend mit Biosaatgut auseinandersetzen, sind solche Veranstaltungen wichtig, um zu begreifen, dass Bio eine facettenreiche, ökologisch und sozial sinnvolle Bewegung ist, die eigentlich noch viel mehr Unterstützung verdienen würde.

ZBM: Zu guter Letzt eine Frage für alle Feinschmeckerinnen und Feinschmecker: Was ist deine Lieblings-Salatsorte? Was zeichnet sie aus?

Benjamin Bauer:
Ich esse am liebsten den Kopfsalat Baquieu. Er ist ein Überwinterungssalat, den man im Herbst noch auspflanzt und dann überwintert. Im März kann ich so bereits aus dem eigenen Garten kleinere Salatköpfe ernten, die mit der rötlichen Farbe noch dazu nett aussehen. Die Sorte ist von ProSpecieRara ausgezeichnet.

Vielen Dank für das Gespräch!